Musenkeller

Theater Ensemble

Vorsicht Trinkewasser


Zu solchem Chaos ist nur Woody Allen fähig


Von Sarah Krautheim

GA Bild1 20151112Giessen. Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Zumindest in der Farce, die sich in einer US-Botschaft eines fiktiven europäischen Landes abspielt, bringt das Gießener Theater-Ensemble Musenkeller in Woody Allens erstem Bühnenstück „Vorsicht, Trinkwasser“ von 1966 ein geordnetes Chaos auf die Bühne. Gespielt wird im Keller der Bonifatiuskirche, wo bei der Premiere ein Lacher nach dem anderen durchs Publikum jagte.

Bereits zu Beginn lässt sich erahnen, dass sich eine Katastrophe anbahnt, denn Botschafter James F. Magee (Michael Müller) muss dringend auf Geschäftsreise und die Führung seiner Botschaft somit notgedrungen in die Hände seines unfähigen Sohnes Axel (Michael Bayer) legen. Mit ungutem Gefühl bleiben beide zurück: Müller legt viel Nachdruck in die gespielte Zerrissenheit, ob er seinem unfähigen Sohn tatsächlich die diplomatischen Geschäfte überlassen soll. Das sitzt auch beim Zuschauer, wenn er Axel droht, diesmal bloß nichts auszufressen, denn es steht in seiner Abwesenheit der hohe Besuch des Sultans von Bashir samt Hauptfrau (Dominik Gehring) ins Haus. Bayer zeichnet die Rolle des Axel als typische Figur des Allen’schen Antihelden mit ständigem Bezug zu Selbstzweifeln. Besonders, wenn er das Publikum wissen lässt, wie viele diplomatische Aufgaben er bereits rund um die Weltkugel „vergeigt“ und seinem Vater damit große Schande bereitet hat, macht er den Rezipienten neugierig, was dem armen Tollpatsch alles widerfahren wird und ob er es am Ende doch schafft.

GA Bild3 20151112Kaum hat der Diplomat seine Reise angetreten, geht es turbulent auf der Bühne zu, denn die amerikanischen Hollanders fallen mit Gepolter in die Botschaft ein und verstricken Katastrophen-Axel in ihr Problem: Vater Walter Hollander (Christian Henkel), Mutter Marion (Annette Filippi) und die hübsche Tochter Susan (Hanna Weller) werden auf ihrer Urlaubsreise durch Europa von Geheimpolizeichef Krojack (Inga Christian) der Spionage bezichtigt und in eine wilde Verfolgungsjagd verwickelt. Christian Henkel interpretiert seine Figur als polemisierenden Provokateur mit weichem Kern, der trotz Dankbarkeit, von Antiheld Axel (der mutig seine Chance wittert: Endlich kann er seinem Vater beweisen, dass er doch zu etwas taugt) nicht ausgeliefert zu werden, für die Befreiung aus der Botschaft sein letztes Hemd geben würde. Bayer bringt hier authentisch den Zwiespalt zwischen Willensstärke und Unsicherheit rüber.

Eine außerordentliche Herausforderung hatte Christian Wolf in der Rolle des „Vater Drobney“ zu bewältigen, der als schrägster Vogel des Stücks außerordentliche Gegensätze zu vereinen versucht: Als Geistlicher lebt bereits seit sechs Jahren in der Botschaft – im Asylstatus. Und wie passt es eigentlich zusammen, sich als Priester der Zauberei zu verschreiben? Wolf gelingt es, dem Spiel zwischen lustig und nicht lustig immer wieder zu den passenden Pointen zu verhelfen. Nach Allens Manier gehen seine Tricks ständig schief, was Wolf deutlich auf die Spitze treibt, indem er die Figur sichtlich als an den Rand des Wahnsinns getrieben darstellt.

Nixon hat nichts gesehen

Doch noch ist das Chaos nicht perfekt: Auch Hanna Weller spielt ihre Rolle als schöne Susan mit dem Hang zum Unperfekten mit großer Überzeugung und zieht das Publikum mit der emotionalen Darbietung der heimlich Verliebten auf ihre Seite. So entsteht eine makabere Liebesgeschichte. Den Abgrund zwischen Verachtung und Verzweiflung stellen Henkel und Bayer deutlich zur Schau: Walter sieht in Axel einen Versager und so einer soll seiner Tochter bloß fern bleiben.

Kreischende Lacher huschen durchs Publikum, wenn Bayer beim Kuss mit der schönen Blonden anstandshalber mit beiden Händen die Augen des an der Wand verewigten Präsidenten Nixon zuhält.

Ob die Figur Axel die Aufgabe zum Schluss lösen kann und doch noch zu seinem Ruhm kommt, wird an dieser Stelle nicht verraten.

Ulkig und trotzdem ernst zu nehmen treten die Figuren des Sultans und seiner Hauptfrau auf, die das Bedrohliche bereits durch die Äußere Erscheinung suggerieren. Dass deren Besuch mächtig in die Hose geht, was dann an späterer Stelle doch noch sein Gutes hat, hat Regisseur Guy Sagnes treffend umgesetzt: Das Publikum ist mit voller Aufmerksamkeit und Begeisterung dabei. Doch Axel wäre keine Figur von Woody Allen, wenn es ihm nicht gelänge, aus all den Widerwärtigkeiten herauszukommen und für seine Tollpatschigkeit sogar noch entschädigt zu werden.

Die Theatergruppe hat sich kurze Einlagen mit Biss ausgedacht, um der Komik des Woody Allen immer wieder die Krone aufzusetzen. So klaut der beleidigte Küchenchef Adamo, den Michael Müller mit Akzent als typisch französischen Koch mit entsprechendem Stolz in Szene setzt, dem Zauberlehrling das Kaninchen und tischt es GA Bild2 20151112dem unzufriedenen Amerikaner auf, der sich nicht lumpen lässt und es in einer Vase entsorgt. Auch Fliegerbrillen und Zwangsjacken tragen zur Komik und überstrapazierten Lachmuskeln bei.

Christopher Dickey – in der Rolle des Geheimagenten Kasnar – haucht seiner Figur besonders viel Coolness und Sarkasmus ein, wenn er dem Stück eine überraschende Wende verpasst, indem er das Happy End gefährdet und noch einmal Spannung in die Sache bringt. Der Angestellte Kilroy wird in typisch steifer Figur von Dominik Gehring gespielt. Stereotype, Polemik, Ironie und Erotik geben sich in der Interpretation von Sagnes die Hand. Außerdem werden Provokationen und Persönlichkeiten vielsagend in die Handlung eingestreut. Wer das Gefühl haben will, als stiller Beobachter Teil der Komödie zu sein, ist im Musenkeller genau richtig: In diesem Stück vergisst der Zuschauer, dass er sich in einer Aufführung befindet, authentischer geht es kaum.

Sympathisch auch der Fauxpas des „fliegenden Kilroys“, der beim Abgang den Vorhang zur Umkleide abräumte.

Die Assistenz hat Nina Gehring übernommen. Souffleure sind Dominik Heinrichs und Bärbel Reich.

(Quelle - Giessener Anzeiger)

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